Oft wird einer Paarbeziehung zugesprochen, dass es sich dabei um eine reine Herzensangelegenheit handele. Dem müssen wir widersprechen. In den meisten Paarbeziehungen wird täglich hart verhandelt. Manchmal ganz konkret und manchmal eher unterschwellig:
„Ich habe diese Woche schon drei Mal das Kind ins Bett gebracht, du hattest aber schon zwei Mal Me-Time.“ Oder: „Wir haben seit zwei Wochen nicht miteinander geschlafen, obwohl ich dir den Rücken viermal mit der Hausarbeit freigehalten habe.“
Solche Beispiele sind keine Seltenheit. Unser Gehirn funktioniert so, und das hört nicht damit auf, nur weil wir in einer Partnerschaft sind.
Dieses numerische Denken können wir aber auch für uns nutzen und das tun wir in der Therapie oft. Mit Hilfe von Skalen. Hier finden Sie einen Fall, der die Operationalisierung und Bewertung von „liebevollem Umgang“ nutzt. Das Schöne an den Skalen ist nicht nur, dass diese wirklich abbilden können, welche Handlungen zu guten Gefühlen führen, sondern auch manchmal Missverständnisse aufzeigen, was dazu führen kann, dass sich Paare weniger verpassen…
E: Auf meiner Zufriedenheitsskala von 0 bis 10 ist es eine 1 oder 2, wenn er mir vorwirft, dass ich ihm vorwerfe, dass er nichts auf die Reihe bekommt. Eine 3–4 ist es, wenn er mir vorwirft, dass ich zu hohe Ansprüche habe.
Therapeut*in: Was wäre gut? Was wäre oberhalb der 5?
E: Wenn er Verständnis für das, was ich tue, hätte.
Therapeut*in: Woran würden Sie das merken? Was würde er sagen?
E: Wenn er sagen würde: „Ich sehe, dass du eine Menge zu tun hast“, wäre das eine 6. Wenn er mich fragen würde, was er tun könnte, um zu helfen, wäre das eine 8.
Therapeut*in: Und wenn er von sich aus anbietet, etwas zu tun, und sagt: „Schatz, ruh dich mal aus … Ich nehme den Kleinen, und danach machen wir was zusammen!“, wäre das eine 10?
E: Genau.
M: Aber das habe ich doch am Samstag gemacht! Ich habe gesagt, dass ich die Fahrt mit dem Kleinen mache. Sie kann zu Hause bleiben.
E: Aber wir hatten uns die ganzen Tage vorher nicht gesehen, erinnerst du dich?
Therapeut*in: Das war also ein Angebot? Sie wollten etwas von ihm?
M: Sie wollte mich kontrollieren!
E. verdreht die Augen.
Therapeut*in: Das ist ja spannend. Wir hatten eben über „Erwartungen an die Erwartungen des anderen“ gesprochen. Jetzt sah es für mich so aus, als ob E. etwas von M. wollte, Zeit mit ihm verbringen wollte, um der Beziehung eine Chance zu geben. Aber M. erwartet im Moment offensichtlich nichts Gutes, sondern sieht das als Kontrolle von E., was für Sie, M., dann ja gleich doppelt schlimm ist, denn Sie hatten ja selbst ein „Angebot“ gemacht. Ich gebe dir mal Zeit für dich. Konnten Sie das in der derzeitigen Situation nicht so einordnen, dass E. auch ein Beziehungsangebot macht?
M: So hatte ich das tatsächlich noch nicht gesehen.
Therapeutin: Man verpasst sich so oft. Und dann werfen sich die Partnerinnen gegenseitig vor, schizophren oder verrückt zu sein, mal das eine, dann das andere zu wollen. Schön M., dass Sie das jetzt bei E. sehen konnten. Und schön E., dass Sie das gesagt haben.



