Warum immer ich?

Es ist keine Seltenheit, dass eine*r der Partner*innen fast immer die Initiative ergreift. Was meistens zu Frust führt. Frust wiederum führt zu Vorwürfen. Vorwürfe führen jedoch meist zu wenig. Wenn wir in der Paartherapie der Person, die ohnehin schon viel übernimmt, sagen, dass sie in der Kommunikation noch andere Möglichkeiten hat, kommt meistens: „Ach, jetzt liegt es wieder an mir.” 

Das ist vollkommen nachvollziehbar. Aber es führt leider zu nichts. Deswegen lassen wir in solchen Fällen nicht locker, auch wenn es uns als Therapeut*innen manchmal schwerfällt, der aktiven Person zu sagen, dass sie aktiv etwas tun soll. Hier spielt das Vertrauensverhältnis, das sich durch die Sitzungen und insbesondere durch die Methode der Neutralität aufgebaut hat, eine große Rolle. Wenn die Person in dem Moment das Gefühl hat, dass wir als Therapeut*innen für den Partner/die Partnerin arbeiten, wird das nicht funktionieren. Wenn wir aber vermitteln können, dass wir das Paar und die Bedürfnisse der frustrierten Person ernst nehmen, dann ist es für uns ein magischer Moment, wenn diese Person sagt: „Ok, ja, das mache ich.” 

So wie hier:

Das Paar hatte sich vor einigen Monaten vorgestellt, weil K. von seiner Psychotherapeutin diagnostiziert wurde, emotional nicht erreichbar zu sein, nachdem sich T. Anfang des vergangenen Jahres erstmalig getrennt hatte.

K: Wenig Paarzeit gehabt. Arbeiten beide viel, die Kinder, und dann Sport.

T: Ich bin dann ja immer lösungsorientiert. Was könnten wir tun, dass wir mehr davon haben!? 

K: So ganz stimmt es ja auch nicht. Wir machen jetzt ja immerhin den gleichen Sport. Also ich mache jetzt das, was Du machst. Aber wir können das nicht zusammen machen, weil ich größer bin und schneller laufe als Du.

T: Du hast Dich da ja auch wieder „reingehängt“ in etwas das ich mache. Ich hatte mit dem Laufen angefangen. Jetzt machst Du das plötzlich auch. Ich würde mich freuen wenn du mich mal inspirierst.

Therapeut*in: Das ärgert Sie.

T: Ich finde es gibt nichts mit dem er auf mich zukommt… Keine Themen…

K: Ich interessiere mich für den Wald und habe Dich dazu auch angesprochen.

T: Es gibt so viel wo ich Dich drum bitte und was Du nicht tust. Ich habe das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit, und habe Dich gebeten dass Du dafür sorgst, dass unser Konto ständig gedeckt ist…

Therapeut*in: Moment, darf ich da kurz unterbrechen? „Finanzielle Sicherheit“ ist ja im Grunde kein Bedürfnis. Das haben Sie ja sowieso in Ihren beiden Berufen. Was möchten Sie eigentlich von ihm? Dass Sie sich auf ihn verlassen können?

T: Ja. Dass er Termine einhält.

K: Das fällt mir manchmal schwer.

T: Ich habe Dir gesagt dass ich die Spirale nicht mehr nehmen will und Du Dich um die Vasektomie kümmern sollst. Ich habe gesagt ich wollte das im Juli machen. Aber ich will die jetzt früher loswerden. Und Du bist nicht losgegangen.

K: Ich war gestern da und habe das machen lassen.

Therapeut*in: Darf ich kurz fragen, wie Sie gefragt haben?

T: Ich muss mit ihm immer reden wie mit einem Kind. Am Anfang habe ich noch freundlich gefragt: „Hase, ich wünsche mir…“. Aber da hört er nicht drauf.

Therapeut*in: Ich glaube T. schon, dass Sie es erst mit „Hase…“ versucht hat. Ich kriege ja manchmal mit wenn Klient*innen Quatsch erzählen. Aber ihre Verzweiflung ist ja echt, T. Nur eines frage ich mich: Seit sechs Sitzungen ist K. der, der früher anscheinend emotional nicht erreichbar war. Kann es sein, dass Sie Ihre Sendung auch verstärken müssten, weil Sie selber emotional nicht viel preisgeben, selbst wenn Sie „verbal“ richtig zugreifen?

T: Das sagen mir leider auch alle.

Therapeut*in: Könnte es hilfreich sein, wenn Sie – wenn Sie K. ansprechen – in Augenkontakt gehen? Oder sich sogar berühren?

T: Dann ist die Verantwortung jetzt SCHON WIEDER bei mir!?

Therapeut*in: Ein bisschen ja. Wenn es bei anderen auch nicht immer ankommt. Aber K. kann ja auch seine Verantwortung weiter ausbauen. Und sich vornehmen auf kleine Zeichen bei T. zu achten?

K: Das kann ich gerne machen.

Was können Sie daraus mitnehmen? Vielleicht können Sie überprüfen, ob Sie durch den Frust eine nachvollziehbare Härte entwickelt haben, die den Veränderungen, die Ihr*e Partner*in, wenn auch langsam, umsetzt, entgegenwirkt. Bedenken Sie, dass Druck Gegendruck erzeugt. Hören Sie auf, auf Ihre*n Partner*in zu schauen, und schauen Sie stattdessen auf sich. Was sind Ihre Bedürfnisse? Und wie können diese erfüllt werden, wenn Sie sie auch als solche formulieren? Vergessen Sie im positiven Sinne die letzten Jahre des Kampfes. Die Stagnation auf der einen und die Härte auf der anderen Seite. Starten Sie mit einem Status von „0“ neu und beobachten Sie, was passiert, wenn Sie beginnen, Ihre Bedürfnisse so zu formulieren, dass sie gehört werden können. Setzen Sie sich z.B. eine Frist von ca. 6 Monaten. Schauen Sie dann, was sich verändert hat. Dann können Sie immer noch Konsequenzen ziehen. Vielleicht werden Sie aber positiv überrascht sein, was sich bewegt. Sowohl bei Ihnen als auch bei Ihrem/r Partner*in. 

Wir sind Katharina Middendorf und Ralf Sturm, führen seit 2015 unsere Praxis für Paartherapie und Sexualtherapie in Berlin, haben eine Kolumne im Berliner Tagesspiegel, inzwischen zahlreiche Bücher veröffentlicht und unterstützen Einzelpersonen und Paare wie Sie. Sie möchten mehr über uns erfahren? Dann freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

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