Wie können Paare Diagnosen gemeinsam meistern?

Wenn wir ehrlich sind, erleben wir in der Praxis oft Menschen, die sich, wenn es um Partnerschaft und deren Aufgaben geht, hinter ihrer Diagnose „verstecken“. Dann fallen Sätze wie: „Ich bin eben depressiv, da kann ich nicht auf dich zugehen.“ oder: „Ich habe ADHS, da ist es normal, dass ich die Dinge im Haushalt nicht so übernehmen kann wie du.“ Sätze dieser Art mit den unterschiedlichsten Diagnosen gibt es viele. Wir wollen sie nicht bewerten, denn sie versuchen, einer scheinbar sehr komplex gewordenen Situation innerhalb der Partnerschaft eine Vereinfachung zu geben. Vielleicht, um sich die Anstrengung zu ersparen, vielleicht aber auch, um eine Erklärung zu haben, mit der man als Paar wieder Fuß fassen kann. 

Dann macht hier die Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, mit der gemeinsam geschaut wird, was die Diagnose bedeutet und vor allem, was sie für die Partnerschaft bedeutet, einen großen Unterschied. Wo gilt es für den einen, seine/ihre Ansprüche zu überprüfen, und wo gilt es, sich zu bewegen? Und meist ist mehr Bewegung möglich, und weniger nötig als man denkt. 

Wir kennen wenige Bereiche, in denen eine Paartherapie so viel Sinn macht und das Paar so sehr unterstützen kann wie bei der Besprechung und Aushandlung von Partnerschaften, die mit einer individuellen Diagnose belastet sind. Zu zweit fällt es dem Paar oft wegen monatelanger oder jahrelanger Frustration schwer, sich darüber auszutauschen. Meistens gab es viel Streit und Rückzug. Jede*r war damit beschäftigt, die Situation alleine zu bewältigen. Die Person mit der Diagnose hat meist eine*n Arzt/Ärztin oder Therapeut*in, der Partner oder die Partnerin Ratgeberbücher, Freund*innen oder Foren. Doch wie kann das Paar wieder zusammenfinden?

Beschreibungen schaffen Verständnis. 

Wir lassen die Partner*innen zunächst beschreiben, wie sie sich fühlen und was in ihnen vorgeht, wenn sie mit der Erkrankung oder der Begleitung der Erkrankung konfrontiert sind. Durch eine therapeutische Rahmung, die signalisiert, dass diese Gefühle adäquat sind, sehen sich beide oft nicht mehr als Sonderfall oder als Konkurrent*innen, sondern als Team, das in einem Boot sitzt. Es entsteht das Gefühl, dass beide Partner*innen gleich wichtig sind und dass beide leiden bzw. sich etwas anderes wünschen. Für dieses Gespräch sind klare Kommunikationsregeln erforderlich. Denn meistens ist das Paar in solchen Gesprächen bisher gescheitert und die Entfremdung wurde durch die misslingende Kommunikation vergrößert statt verringert. 

Wünsche machen Hoffnung.

Beide Partner*innen haben Wünsche, stellen aber oft Forderungen. Diese Grammatik der Kommunikation gilt es zu verändern. Auch hier hilft eine außenstehende Person, die eingreifen kann, wenn die Forderungsdialektik wieder überhandnimmt. Ebenso ist es Ziel dieses Therapiesteps, Wünsche zu erarbeiten. Denn die meisten Menschen wissen eher, was sie nicht wollen, und äußern dies oft als Vorwurf. Oder sie pauschalisieren ihre Wünsche als Forderungen, die aufgrund ihrer Generalisierung nicht greifbar und dementsprechend schwer erfüllbar sind. Oft hilft hier eine bewährte Hausaufgabe, bei der die Partner*innen auf eine therapeutisch angeleitete Wunschsuche gehen. Die Ergebnisse werden dann in der nächsten Sitzung besprochen. 

Bewegung setzt Gefühle in Gang.

Da sich die meisten Paare, die in eine Paarberatung kommen, noch lieben, gehen wir grundsätzlich davon aus, dass beide Partner*innen bereit sind, etwas füreinander zu tun. In diesem Schritt geht es darum, die Wünsche der anderen Person ganz selbstbestimmt zu erfüllen – in der Form, wie es für die Person möglich ist, ohne dass sich der Wunsch verwässert. Hier arbeiten wir oft mit Skalen, die wie eine Art mathematische Berechnung funktionieren. Das hilft dem Gehirn zu eruieren, welchen Effekt welche Handlung hat, und es wirkt direkt motivierend. Das liest sich ggf. ein wenig kühl, aber hier entstehen meistens die ganz besonderen magischen Momente, nämlich dann, wenn Wunsch und Erfüllung fein aufeinander abgestimmt und ehrlich gemeint sind. Das ist im Raum oft deutlich spürbar – es entsteht Nähe und Vertrauen!

Ein Einblick aus der therapeutischen Praxis:

B: Bei unserer Tochter wurde ADHS diagnostiziert. Und bei mir auch.

Therapeut*in: Dann müssten Sie sich natürlich entscheiden, ob es für Sie in Ordnung ist, wenn in dem Haus manche Dinge Baustelle bleiben oder Sie Ihren Job nicht zu 100 % erledigen können. Auf jeden Fall sollten Sie es nicht mehr persönlich nehmen, wenn B. nicht auf alle Ihre Wünsche eingeht. Es ist vermutlich kein persönlicher Affront …

R: Ich habe dazu gelesen. Viele Menschen mit dieser Diagnose suchen oft die Schuld bei sich. Es gibt aber auch welche, die andere beschuldigen. B. beschuldigt dann eher mich.

Therapeut*in: Ja, das kann gut sein. Oft haben Menschen, die andere beschuldigen, aufgrund ihrer Konstitution vorher aber lange die Schuld bei sich gesucht. Bis sie es schließlich nicht mehr ausgehalten haben und zur Entlastung auch auf andere hinweisen. Das kann für beide anstrengend sein.

B. weint und fühlt sich gesehen.

Therapeut*in: Sie waren beide viele Jahre auf Autopilot unterwegs. Jetzt kann eine neue Phase Ihrer Beziehung beginnen.

(…)

Vielleicht können Sie jetzt nachvollziehen, dass nicht die Diagnose, sondern die Kommunikation und das Verhalten der Partner*innen das Problem sind, wenn Diagnosen in der Partnerschaft fürs Unglücklichsein sorgen. Ein Problem, das oft paartherapeutisch zu lösen ist. Vielleicht ist auch deutlich geworden, dass eine Diagnose manchmal ein guter Ausgangspunkt sein kann, um sich den eigenen Wünschen und Grenzen zu stellen und zu lernen, diese in der Partnerschaft so zu besprechen, dass Nähe statt Distanz entsteht. Und wenn das passiert, dann haben sich fünf bis zehn Sitzungen Paartherapie oft für das gesamte weitere gemeinsame Leben gelohnt.

Wir sind Katharina Middendorf und Ralf Sturm, führen seit 2015 unsere Praxis für Paartherapie und Sexualtherapie in Berlin, haben eine Kolumne im Berliner Tagesspiegel, inzwischen zahlreiche Bücher veröffentlicht und unterstützen Einzelpersonen und Paare wie Sie. Sie möchten mehr über uns erfahren? Dann freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

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