Was bedeutet Endometriose für die Partnerschaft?

Menschen, die an Endometriose erkrankt sind, haben nicht nur Schwierigkeiten, mit der Erkrankung und sich selbst einen guten Umgang zu finden. Auch in der Partnerschaft und in der Sexualität sind sie Herausforderungen und Einschränkungen ausgesetzt. Medizinisch kann für die Personen immer noch wenig getan werden und gesellschaftlich herrscht viel Unwissenheit vor. Umso wichtiger ist es, dass Paare miteinander im Gespräch bleiben und sich so die Möglichkeit geben, sich in diesen Herausforderungen nicht zu verlieren.

Die Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. hat eine Postkarte auf der steht „Endo…. Was?“. Und damit wird deutlich, dass Endometriose immer noch eine Erkrankung ist, die wenig bekannt, erforscht und oft erst spät diagnostiziert wird. Dabei kommt sie mit eindrücklichen Symptomen daher, wie z.B.:

  • starke, oft krampfartige Schmerzen oft vor und während der Menstruation, aber auch darüber hinaus
  • Zwischenblutungen und starke Menstruation
  • Schmerzen bei der vaginalen Penetration oder danach und gynäkologischen Untersuchungen
  • Übelkeit und Erbrechen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung
  • eingeschränkte Fruchtbarkeit
  • Müdigkeit, Erschöpfung und Fatigue
  • uvm.

„Die Krankheitssymptome einer Endometriose können bereits in der Pubertät mit der ersten Menstruation auftreten und bis zu den Wechseljahren und auch darüber hinaus bestehen bleiben. Die höchste Wahrscheinlichkeit zum Auftreten einer Endometriose liegt im Alter von 35 bis 45 Jahren. Schätzungsweise sind zwischen 8 und 15 Prozent aller Mädchen* und Frauen* betroffen – das sind in Deutschland ca. 2 Millionen Menschen. Die WHO geht von weltweit ca. 190 Millionen Betroffenen aus. Zusätzlich werden jährlich bis zu 53.000 Neuerkrankungen in Deutschland registriert. Trotz der hohen Verbreitung und der gravierenden Auswirkungen wird Endometriose gesellschaftlich zu wenig wahrgenommen. Sehr viele Betroffene haben vor ihrer Diagnose noch nie von Endometriose gehört.“
Quelle: Webseite Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

Es ist schwer vorstellbar, wie sich diese Schmerzen, die sich auf einer Skala oft zwischen 8 und 10 befinden, auf das tägliche Leben auswirken. Darüber hinaus hat diese Erkrankung häufig auch Auswirkungen auf die Paarbeziehung. Und genau darum soll es heute gehen.
Wenn eine Person in einer Partnerschaft krank ist, betrifft das beide Partner*innen. Wenn man sich liebt und wichtig ist, möchte man, dass es dem Lieblingsmenschen gut geht, und möchte ihn schützen und unterstützen. Ebenso möchte die kranke Person die andere Person oft nicht belasten, weil hier die gleichen Motive gelten. Wir haben es also mit zwei Menschen zu tun, die sich Gutes tun und Schwieriges ersparen wollen. So schön das ist, so ist genau diese intrinsische Motivation oft der Grund für aufkeimende Probleme in der Beziehung. Warum? Beide Partner*innen wollen sich gegenseitig schonen und beginnen oft, Schritt für Schritt „schwierige” Inhalte aus der Kommunikation auszuschließen.

Was ist daran so problematisch? Folgende Sätze geben einen Einblick:

  1. Ich kläre das lieber mit mir selbst. Mein*e Partner*in hat schon so viel mit der Erkrankung mitgetragen.
  2. Die Krankheit belastet unsere Beziehung ohnehin schon, deshalb möchte ich nicht wegen jeder Kleinigkeit zusätzlichen Stress verursachen.
  3. Mein*e Partner*in hat so viel mit der Erkrankung zu kämpfen, da möchte ich nicht auch noch mit meinem „unwichtigen Kram” kommen.
  4. Es soll doch nicht immer alles so schwer sein in unserer Beziehung, ich möchte auch mal wieder Leichtigkeit erleben.
  5. Irgendwann wird es uns wieder besser gehen.

All diesen inneren Sätzen liegt der Antrieb zugrunde, weniger zu kommunizieren und Probleme bewusst aus der Beziehung herauszuhalten. Damit verbunden ist die Gefahr, die eigenen Grenzen kontinuierlich zu übergehen. Auf beiden Seiten. Ebenso besteht die Gefahr, aus der Verbindung zu kippen, weil der Elefant im Raum kollektiv unsichtbar gemacht wird. Doch Schuldgefühle, Schmerzen, Frustration und Hilflosigkeit lassen sich zwar verbal ausklammern, aber dadurch verschwinden sie nicht. Im Gegenteil.

Was können Sie also tun?

Nach unserer Einschätzung ist es am wichtigsten, die eigenen Gefühle und Wünsche ernst zu nehmen und nicht über sie hinwegzugehen. Seien Sie ehrlich – sich selbst und Ihrem/Ihrer Partner*in gegenüber. Auch wenn es nicht einfach ist und wechselseitig schmerzt. Bleiben Sie mutig und öffnen Sie sich, um über Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen zu sprechen, und formulieren Sie Ihre Bedürfnisse, sofern Sie diese erkennen können. Kommunikation ist der Schlüssel, um eine belastete Partnerschaft zu stärken.
Das bezieht auch das Thema Sexualität mit ein. Denn Menschen mit Endometriose haben hier viele Herausforderungen zu meistern, um eine freudvolle Sexualität zu erleben, und sehen sich mit vielen Beeinträchtigungen konfrontiert. 

Kurz gesagt: In Phasen körperlicher Schmerzen kann die Lust auf körperliche Nähe und Sex gering sein. Zusätzlich können Endometriose-Herde beim penetrierenden Sex Schmerzen verursachen. Ebenso kann es durch die Schwellung der Organe bei sexueller Erregung zu Schmerzen kommen, da beispielsweise Herde oder Verwachsungen angestoßen werden – manchmal auch verzögert durch das Ausscheiden von Endorphinen. Oft führen auch Nebenwirkungen von Hormontherapien zu Scheidentrockenheit, verminderter sexueller Lust, Gewichtsproblemen, Stimmungsschwankungen und depressiven Verstimmungen.

In der Sexualität gilt im Grunde dasselbe wie für die Partnerschaft im Allgemeinen: Es braucht mutige, ehrliche und einfühlsame Kommunikation. Kein „Das wird schon irgendwie. Irgendwann.“  Denn nein, das wird es nicht. Die Prognose ist eher, dass es weniger wird. Jedes Überschreiten der eigenen Grenzen fördert den inneren Rückzug. Ebenso jedes stillschweigende Vermeiden. Und damit wächst langfristig die Wut. Zunächst richtet sie sich gegen sich selbst, dann gegen die Erkrankung und schließlich gegen den Partner/die Partnerin. Wenn die Wut erst einmal da ist, wird die oben angesprochene mutige, ehrliche und einfühlsame Kommunikation ohne therapeutische oder beratende Hilfe immer schwieriger.
 
Passen Sie auf sich auf und sprechen Sie miteinander.
 
Wenn Gespräche an einem Punkt nicht mehr erleichtern, sondern eskalieren oder die Entfremdung vorantreiben, scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Neben der eigenen Suche nach einer passenden Beratung oder Therapie können Sie auf den Seiten der Deutschen Endometriose-Vereinigung hilfreiche Informationen erhalten:
 
https://www.endometriose-vereinigung.de/sexualitaet-und-partnerschaft/
 
 

Wir sind Katharina Middendorf und Ralf Sturm, führen seit 2015 unsere Praxis für Paartherapie und Sexualtherapie in Berlin, haben eine Kolumne im Berliner Tagesspiegel, inzwischen zahlreiche Bücher veröffentlicht und unterstützen Einzelpersonen und Paare wie Sie. Sie möchten mehr über uns erfahren? Dann freuen wir uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

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